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Song Dynastie Dieser Zeitraum wird im wesentlichen beherrscht von der Song-Dynastie (960 bis 1280), die ihrerseits in eine Nördliche (960 bis 1127), und eine Südliche (1127 bis 1280) unterteilt wird, der Liao-Dynastie (907 bis 1125), der die Westliche Liao-Dynastie (1125 bis 1199) folgte, der Jin-Dynastie (1115 bis 1234) sowie dem Reich der Tanguten, auch Xi-xia, Westliche Xia-Dynastie (1038 bis 1227), genannt. Wenngleich es Zhao Kuangxin gelungen war, die Macht über die meisten Kleindynastien und Staatengebilde wieder an sich zu reißen und die Einheit des Reiches unter der von ihm gegründeten Song-Dynastie weitgehend wiederherzustellen (die vollständige Einigung erfolgte erst unter seinem Nachfolger), so wies doch das neugegründete Song-Reich nicht annähernd jene territoriale Ausdehnung und Macht auf, die seinerzeit das Han- und auch das Tang-Imperium gekennzeichnet hatten. Sowohl Zentralasien als auch Annam, früher dem chinesischen Reich einverleibt, standen während der Song-Dynastie nicht mehr unter chinesischer Oberhoheit. Außerdem mußte der Song-Staat – im Laufe seiner Existenz ständig von außen bedroht – immer größere Gebiete, am Ende der Nördlichen Song-Dynastie sogar ganz Nordchina, an seine Nachbarvölker, die sich dieses Gebiet bemächtigt hatten, abtreten. Wiedererstarken der Nomadenvölker im Norden, das Reich der Khitan Im Norden, Nordwesten und Nordosten Chinas waren nämlich verschiedene Nomadenvölker wieder gewaltig erstarkt und hatten in diesem Raum nach chinesischem Vorbild mächtige Dynastien gegründet. So hatte sich im Gebiet Koreas, Nordostchinas und der Mongolei unter dem Stammesfürsten Apaoki, der sich 907 zum Kaiser ausrufen ließ, das Volk der Khitan zu einem mächtigen Staatsgebilde entwickelt, das für die Chinesen eine arge Bedrohung darstellte. Die Khitan waren ein nomadisches Reitervolk, das in bezug auf seine ethnische Zugehörigkeit bis heute abstammungsmäßig von der Wissenschaft noch nicht eindeutig eingeordnet werden konnte. So wird es von manchen mit den Mongolen, von anderen wiederum mit den Türken oder Tungusen in Verbindung gebracht. Möglicherweise handelt es sich bei diesem Steppenvolk auch um einen Verband von mehreren unterschiedlichen Völkerschaften der obengenannten Stämme. Die Unklarheit über die Abstammung der Khitan haben ihre Ursache vor allem darin, da ihre Sprache bis heute noch nicht bekannt ist und ihre Schrift noch immer nicht entziffert werden konnte, obwohl die Wissenschaft, vor allem die Japanische Sinologie, sehr viel Energie und Zeit in die Lösung dieses Problems investiert hat. Der Name des Khitan-Volkes ist damals auch in den Vorderen Orient und nach Europa eingedrungen und vielerorts z.B. in den slawischen Sprachen (russische: Kitai), zur Bezeichnung für Nordchina, später für Gesamtchina, geworden. Der Dynastiename der Khitan ist (seit 937) Liao, benannt nach dem Liao-Fluß in der Mandschurei, dem heutigen Nordostchina. Die Hauptstadt der Khitan war ursprünglich Linhuang in der Ostmonglolei, von dort wurde sie aber noch unter dem Dynastiegründer Apaoki nach Yanjing, dem heutigen Peking, verlegt. Neben Yanjing hatten die Khitan allerdings noch mehrere Residenzstädte, in denen sie sich temporär aufhielten. Das Reich der Khitan bestand aber nur zu einem geringen Teil aus Angehörigen des Khitan-Volkes, wenngleich dessen Oberschicht alle wichtigen Schlüsselstellungen im Liao-Staat innehatte. Die breiten Massen der Bevölkerung setzten sich vor allem aus Han-Chinesen und verschiedenen anderen kleineren Völkerschaften zusammen. Insgesamt war die Gesellschaft der Khitan aus zwei sehr unterschiedlichen Gruppen gebildet: auf der einen Seite die Masse der Seßhaften Han-Bevölkerung, die vorwiegend Ackerbau, daneben aber auch Viehzucht betrieb, und auf der anderen Seite das nach wie vor nomadisch lebende Reitervolk des Khitan-Stammes. Da sich die Liao, die ihre Staatsmacht ungefähr zur selben Zeit ausbauten wie die chinesische Song-Dynastie südlich von ihnen, mit ihrem Territorium nicht begnügten, sonder immer wieder Einfälle in das chinesische Song-Gebiet machten, kam es häufig zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Khitan und den Chinesen. Schon in den ersten Jahrzehnten nach der Dynastiegründung waren 16 chinesische Präfekturen in Hebei (mit Peking) und Shanxi unter Khitan-Oberhoheit gekommen, und im Jahre 986 mußten die Chinesen mehrere Niederlagen gegen die Khitan, die mit einem Heer von 100 000 Mann nach Süden vorrückten, hinnehmen und weitere Landgebiete und Städte an die Aggressoren aus dem Norden abtreten. Nachdem die Kämpfe noch fast zwei weitere Jahrhunderte andauerten, wobei aber keine der beiden Seiten einen entscheidenden Sieg erringen konnten, kam es 1005 zum Friedensvertrag von Shanyuan. Bei diesem Friedensschluß mußte die chinesische Song-Dynastie bedeutende Zugeständnisse machen und sich zu einer jährlichen Tributleistung von 100 000 Silbertaels (taels ist eine Gewichtseinheit für Silberwährung) und 200 000 Ballen Seide an die Khitan verpflichten. Durch diesen Friedensvertrag war der Machtbereich dieser beiden Dynastien in Nordchina abgesteckt und der Friede in dem Raum, den sich nun beide Mächte teilten, zumindest für eine gewissen Zeit wieder gesichert. nach oben Das Reich der Dschurdschen Im Jahr 1115 machte sich der tungusische Volksstamm der Ruzhen aus Heilongjiang, die bisher Vasallen der Khitan gewesen waren, selbständig und gründete die Jin-(=Gold-)Dynastie. Wir haben gesehen, daß die Song-Dynastie ihren Herrschaftsbereich in Nordchina mit dem Volk der Khitan teilen mußte. Neben den Khitan und den Jin entstanden aber auch im Nordwesten Chinas ein weiterer neuer Staat, der sich von China abspaltete und dem Song-Reich immer wieder durch Überfälle zu schaffen machte: das Reich der Xi-xia (=Westliche Xia) (1038 bis 1227). Das Reich der Tanguten Beim Volk der Xi-xia oder Tanguten, wie sich auch genannt werden, handelt es sich um ein Volk, das von den tibetischen Qiang abstammt. Ähnlich wie die Liao-Dynastie der Khitan war auch die Xi-xia-Dynastie der Tanguten, die im Raum der heutigen Provinz Gansu und Qinghai, in Nord Shaanxi sowie Ningxia lebten, ein Verband von Völkerschaften unterschiedlichsten Ursprungs wie Tanguten, Tibetern, Türken und Chinesen, von denen allerdings erstere die Führungsschicht und wahrscheinlich auch das Hauptbevölkerungskontingent bildeten. Auch in seiner Sozialstruktur ähnelte der Xi-xia-Staat dem der Liao: Hier existierten jeweils eine seßhafte Bevölkerungsschicht von Bauern sowie eine von Viehzucht treibende Nomaden nebeneinander. Die größte Bedeutung kam dem Volk der Tanguten aber wegen seiner ungemein günstigen geographischen Lage am Ost-West-Korridor von Gansu zu, in dem sich der gesamte Handelsverkehr von und nach Zentralasien bzw. von und nach dem chinesischen Kernland abwickelte. Von ihrer Religion her gesehen waren die Tanguten Buddhisten. Sie haben eine eigene Schrift entwickelt, die im Gegensatz zur Khitan-Schrift zumindest zum Teil entziffert ist. Der weitaus größere Teil ihrer Literatur ist buddhistisch-religiösen Inhalts, daneben wurden aber auch eine Reihe taoistischer und konfuzianischer Schriften aus dem Chinesischen ins Tangutische übersetzt. Insgesamt sind noch Tausende von Xi-xia-Schriften erhalten geblieben, die vom regen literarisch-geistigen Leben dieser tibetisch-chinesischen Mischkultur zeugen. Da auch die Tanguten, ähnlich wie die Khitan, ständig Einfälle in das chinesischen Song-Reich unternahmen, Die Song-Kaiser jedoch auf Grund ihrer militärischen Schwäche nicht in der Lange waren, zu einem Gegenschlag auszuholen, verfolgte die Song-Regierung auch in diesem Falle dieselbe Politik wie gegen die Khitan. Durch einen Vertrag (1043) schloß man einen Nichtangriffspakt und garantierte sich gegenseitig friedliche Koexistenz und Loyalität. Doch die Chinesen mußten den Frieden im Reich teuer bezahlen. Das Ende der Xi-xia Dynastie wurde durch den berühmten Mongolenherrscher Dschingis-Khan herbeigeführt, als er den Tanguten-Staat 1227 mit seinen Reiterhorden in Grund und Boden vernichtete. Es war dies sein letzter Kampf, denn er kam vor den Toren der Xi-xia-Hauptstadt Ningxia (heute Yinchuan im Autonomen Gebiet Ningxia) ums Leben. Von den Tanguten kehren wir nun wieder zu den Dschurdschen (Ruzhen) zurück, die im Jahr 1115 die Jin-Dynastie (1115 bis 1234) gegründet und 1127 die Khitan vernichtend geschlagen hatten. Bei den Jin handelt es sich um einen tungusischen Volksstamm, dessen Nachfahren von 1644 bis 1911 unter dem Dynastie-Namen »Qing« nochmals fast drei Jahrhunderte lang die Geschicke Chinas lenkten. Wie in den beiden erstgenannten Staaten (Khitan und Xi-xia) waren auch im Jin-Reich, dessen Stammland in der Mandschurei im Nordteil der Nordostchinesischen Tiefebene bei Harbin liegt, nicht nur Dschurdschen, sondern auch noch eine Reihe anderer Völker beheimatet. Um die 16 Präfekturen, die die Liao den chinesischen Song entrissen hatten, wieder unter ihre Kontrolle zu bringen, verbündeten sich die Song mit den Jin. Dadurch war natürlich das Kräftedreieck, das auch in der Zeit vorher zwischen Song-, Liao- und Xi-xia-Dynastie durch Diplomatie ständig im Gleichgewicht gehalten werden mußte, zuungunsten der Liao zusammengebrochen. Die Liao wurden von Jin-Truppen vernichtet, doch die Jin waren nicht bereit, den Song ihre eroberten 16 Präfekturen zurückzuerstatten. Von ihrem Bündnispartner tief enttäuscht, machten die Song nun einen letzten Versuch, zu retten was noch zu retten war. Doch die siegessicheren Jin sahen ihre Chance gekommen, ihr Reich durch die Eroberung weiterer Gebiete zu vergößern, und forderten von den Chinesen die Provinz Hebei und Hedong und die Anerkennung des Huang He als Grenzfluß zwischen den beiden Staaten. Gleichzeitig drangen die Jin-Truppen immer weiter nach Süden vor und überschritten sogar den Gelben Fluß. Arg in Bedrängnis geraten, zog sich der Song-Kaiser Hui-zong sodann auf den Rat seines Sohnes hin aus der Hauptstadt Kaifeng, die 1126 von den Jin eingenommen wurde, zurück. Damit war der ganze Norden für die Song verloren, die Jin breiteten sich aus und begannen, ihre neu hinzuerworbenen Gebiete zu konsolidieren. Kaiser Hui-zong und sein Nachfolger Qui-zong zogen zusammen mit vielen Adeligen in die Gefangenschaft. Damit war die Song-Herrschaft, die von diesem Zeitpunkt (1127) an Südliche Song-Dynastie genannt wird, auf Südchina und einen Teil Zentralchinas beschränkt. Ihr erster Kaiser war Gao-zong (1127 bis 1162), der in Begleitung von Beamten und Soldaten den Yangzi überquert hatte und sich in Lin’an, dem heutigen Hangzhou in der Provinz Zhejiang, das nunmehr zur Hauptstadt gemacht wurde, niedergelassen hatte. Von dort aus versuchten die Song, ihr altes Gebiet in Nordchina wieder zurückzuerobern. Umgekehrt unternahmen auch die Jin immer wieder neue Angriffe gegen die Chinesen im Süden und versuchten, ihr Territorium bin an den Yangzi-Fluß, den sie sogar überquert hatten, zu erweitern. Sie wurden jedoch von den chinesischen Truppen immer wieder zurückgeworfen und erlitten schwere Verluste. Vor allem der chinesische General Yue Fei, bis in unser 20. Jahrhundert hinein noch Symbol für Heldenmut und Patriotismus, hat sich in dieser Zeit einen unsterblichen Namen gemacht. Doch nicht auf ihn, sondern auf den verräterischen Qin Gui hatte der Kaiser gehört. Die Truppen um Qin Gui erreichte, daß ein Friedensvertrag, der vor allem den Interessen der Großgrundbesitzer entsprach, abgeschlossen und Yue Fei hingerichtet wurde. In diesem Friedensvertrag (von 1141) wurden die Grenzen zwischen beiden Staaten festgelegt und die Südlichen Song zu einer jährlichen Tributleistung von 250 000 Ballen Seide verpflichtet. Die Jin versprachen ihrerseits, unter anderem die Leichen des verstorbenen Kaisers Hui-zong und der beiden Kaiserinnen überführen zu lassen sowie die Rückführung einer noch lebenden Kaiserin. nach oben Dschingis-Khan Während in China, dem grossen Reich der Mitte, Barbarenvölker und Chinesen teil um die Hegemonie rangen, teils in verzweifelter Ohnmacht in der ihnen aufgezwungenen Koexistenz zur Untätigkeit verurteilt waren, brauten sich im nördlichen Himmel düstere Gewitterwolken zusammen. Dort drängte ein kriegerisches Volk langsam, aber unaufhaltsam auf die große Bühne der Weltgeschichte: Die Mongolen. Unter ihrem Herrscher Dschingis-Khan (1155 bis 1227), den seine Stammeshäuptlinge im Tigerjahre 1206 an der Onon-Quelle zu ihrem Führer gewählt hatten, und seinen Söhnen und Enkeln sind die Mongolen zur stärksten Macht Asiens geworden und haben das größte Reich der Welt, das je existierte, gegründet. Das mächtige Mongolenimperium reichte von Pazifischen Ozean in Osten bis tief nach Europa im Westen. Wie ein brausender Sturm durchzogen die Mongolenhorden den eurasischen Kontinent. Auch in China griffen sie mächtig in den Lauf der Geschichte ein: 1227, noch unter Dschingis-Khan, unternahmen sie einen Rachefeldzug gegen die Tanguten (Xi-xia), zerschmetterten das Volk und verwüsteten das Land. 1234 vernichteten sie die mächtige Jin-Dynastie in Nordchina, und in den folgenden Jahrzehnten bemächtigten sie sich nach und nach ganz China. Bevor sie die Eroberung des Zentrums des Süd-Song-Reichs in Angriff nahmen, führten sie ein großes Täuschungsmanöver durch. Von Nordwesten kommend, eroberten sie zuerst Qinghai und besetzten anschließend Tibet und Yunnan. Dann rückten sie gleichzeitig nach Annam und nach Sichuan vor. Im Jahre 1276 nahmen sie unter ihrem Anführer Khubilai, einem Enkel des Dschingis-Khan, die Hauptstadt der Süd-Song, Lin’an (=Hangzhou), ein. Obwohl ihnen in Südchina größere Truppenkontingente der kaiserlichen Armee lebhaften Widerstand leisteten, ließ sich die totale Niederlage nicht mehr vermeiden. 1279 eroberten die Mongolenheere Guangdong, die letzte Song-Bastie in Südchina, und beherrschten damit das gesamte chinesische Imperium. Wie haben bereits gesehen, daß die Song-Kaiser außenpolitisch jedwede Konfrontation mit ihren Gegnern zu vermeiden trachteten und daß sie bereit waren, sich eine mehr oder weniger friedliche Koexistenz mit ihren nördlichen Nachbarn durch Tributzahlungen, ja sogar Gebietsabtretungen teuer zu erkaufen. Auch innenpolitisch sahen sich die Song-Kaiser einer recht schwierigen Situation gegenüber, und es galt, eine Reihe von Problemen zu lösen. Eines der wichtigsten hierbei war die Reduzierung der Macht der lokalen Militärmachthaber; denn die Konzentration von zuviel Macht in den Händen einzelner Heerführer und Generäle hatte bereits zu Untergang der Tang-Dynastie geführt. Dies vor Augen, hat bereits der erste Song-Kaiser Tai-zu energische Maßnahmen zur Lösung dieses Problems ergriffen. Auf der einen Seite hat er die Macht der einzelnen Militärkommandanten dadurch wesentlich eingeschränkt, daß er ihren Wirkungsbereich auf eine einzige Präfektur einengte, auf der anderen dadurch, daß er verschiedene Stellen nach deren Freiwerden mit Zivilbeamten besetzte. Gleichzeitig hat er auch dafür gesorgt, daß die Eliteeinheiten des Reiches nicht an dessen Peripherie, sondern um die Hauptstadt herum stationiert waren, was allerdings auch bedeutende Nachteile mit sich brachte. Politik und Verwaltung Obwohl das Staatsgebiet der Song-Dynastie wesentlich Kleiner war als das der Han und der Tang, da sie es mit anderen Dynastien teilen mußten, führten die Song-Kaiser doch eine sehr viel straffere Organisation und vor allem mehr Zentralisation im gesamten Staatsapparat ein. Schon Kaiser Tai-zu gelang es, eine Reihe wichtiger Verwaltungsämter direkt der kaiserlichen Kontrolle zu unterstellen und einen stark zentralistisch geführten Beamtenstaat zu errichten. So wurden während der Song-Dynastie sowohl das Militär- als auch das Finanzwesen im Rahmen staatlicher Behörden verankert und direkt der Zentralregierung unterstellt. Für das Militärwesen zuständig und verantwortlich war nunmehr ein »Geheimer Staatsrat« (shu-mi-yuan). Die lokale Finanzverwaltung wurde von Kontrollbeamten der Zentralregierung durchgeführt. Die Verwaltungseinheiten im Lande blieben ungefähr dieselben wie während der Tang-Zeit. Die Bezeichnung »dao« (Provinz) wurde jedoch durch eine neue, nämlich »lu« (wörtlich: weg) ersetzt. Der Grund und Boden im Lande war zu einem beträchtlichen Teil wieder in den Händen von Großgrundbesitzern, Großkaufleuten, Adeligen und Beamten sowie im Besitz buddhistischer und taoistischer Klöster. Da diese Gruppen steuerlich eine Sonderstellung einnahmen und auch nicht zur Fronarbeit herangezogen wurden, lag die Hauptlast der Steuern wiederum auf den Schultern der Bauern, Handwerker und Kleinen Händler. Durch die Bauernaufstände und die kriegerischen Auseinandersetzungen, die der Gründung der Song-Dynastie vorausgingen, war auch ein großer Teil der Äcker und Felder verwüstet worden. Bergbau, Handel und Handwerk erlebten in der Song-Zeit eine starke Aufwärtsentwicklung. In chinesischen Bergwerken wurde damals Gold, Silber, Kupfer, Blei, Eisen und Kohle gefördert. Auch in der Textilindustrie, den Webereien, der Papierherstellung, Porzellanmanufaktur und Lackwarenerzeugung fand ein bedeutender Aufschwung statt. nach oben Prüfungssystem Auch das Prüfungssystem (»ke-ju«) erfuhr dahingehend eine Veränderung, daß die staatlichen Prüfungen, die in der Regel eine Voraussetzung für die Aufnahme in den Staatsdienst darstellten, ab dem Jahre 1065 alle drei Jahre stattfanden, während sie bis dahin in unregelmäßigen Abständen abgehalten worden waren. Die Prüfungen, an denen nur männliche Kandidaten teilnehmen durften, waren nach einem Dreistufensystem geordnet: Auf der untersten Ebene lagen die Präfekturprüfungen, die in allen Präfekturstädten des Reiches abgehalten wurden. Wer diese mit Erfolg abgelegt hatte, konnte sich dem zweiten Prüfungstyp, der Hauptstadtprüfung, unterziehen. Die dritte und höchste Prüfung war die Palastprüfung, zu der jene zugelassen wurden, welche die beiden ersten Prüfungen bereits erfolgreich absolviert hatten. Im Unterschied zur Tang-Zeit mußte sich während der Song-Zeit fast jeder, der eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen gedachte, diesem System unterziehen. Wesentlich seltener als noch in der Tang-Zeit war es während der Song-Zeit möglich, ausschließlich durch »Beziehungen« mit Regierungsämtern betraut zu werden. Auch hing der Rang, den der Regierungsbeamte bekleidete, im wesentlichen davon ab, welche der drei Staatsprüfungen er absolviert hatte. Da die Kandidaten nach bestandener Prüfung zusätzlich noch nach ihrem Prüfungserfolg gereiht wurden, spielte auch ihr Platz innerhalb dieser Reihung bei der Postenvergabe mit eine Rolle. Die Schriftlichen Prüfungen waren anonym und fanden zum Teil in eigens für diesen Zweck erbauten Prüfungszellen von etwa 2 Quadratmeter Grundfläche statt, in denen die Bewerber mehrere Tage und Nächte eingeschlossen waren und streng überwacht wurden. Die finanzielle Situation des Staates war während des ersten Jahrhunderts der Song-Regierung in bester Ordnung, und die Staatseinnahmen waren stetig im Steigen begriffen, da sich die Bevölkerung nach den politischen Wirren im 9. Und in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts mit viel Schwung und Energie beim Aufbau des neugegründeten Song-Staates engagierte. Ähnlich wie bei anderen Dynastien stellten sich auch bei den Song nach der anfänglichen Aufwärtsentwicklung allmählich eine gewisse Stagnation und dann sogar ein bedenklicher Rückgang der Staatseinnahmen ein. Die Ursache dafür liegen zum einen darin, daß die Bevölkerung stark zugenommen und zum andern darin, daß sich die Song-Regierung auf Grund von Verträgen zu großen Tributzahlungen an die Fremdvölker im Norden verpflichtet hatte. Umgekehrt kam den Song hierbei noch zugute, daß sie nach ihrer Vertreibung aus dem Norden weithin im Besitz des fruchtbarsten südchinesischen Ackerlandes geblieben waren. Die Bevölkerungszahlen für die Song-Zeit werden in chinesischen Quellen für das Jahr 1080 mit 33,3 und für 1110 – nur 30 Jahre später – bereits mit 46,7 Millionen angegeben. nach oben Wang Anshi Als der Staat während der Regierungszeit des Kaisers Shen-zong (1068 bis 1086) in eine tiefe innere Krise geraten war, trat ein Politiker namens Wang Anshi (1021 bis 1086) mit einem Regierungsprogramm, durch das die Staatsfinanzen wieder in Ordnung gebracht werden sollten, an die Öffentlichkeit. Eine seiner Maßnahmen sah vor, durch eine neue Landvermessung den Besitz und Boden aller Menschen im Staate genau festzustellen und entsprechend seiner Fläche und seiner Ertragsfähigkeit zu besteuern. Vor allem sollten dadurch auch die riesigen Güter der Großgrundbesitzer einer gerechten Besteuerung zugeführt werden. Ein weiteres Gesetz, das sogenannte »Grüne-Staaten-Gesetz«, sah vor, den Bauern zinsgünstige staatliche Kredite unter Pfändung des noch unausgereiften Saatgutes zur Verfügung zu stellen. Durch diese Maßnahme sollte vor allem verhindert werden, daß die Bauern, wie es bisher häufig der Fall war, gezwungen waren, Geld zu Wucherzinsen von Großgrundbesitzern oder Großkaufleuten zu leihen. Durch ein drittes Gesetz sollte eine Änderung der Steuereintreibung durchgeführt werden. Zu diesem Zweck schlug Wang vor, die Steuer nicht wie bisher in Form von Naturalien aus verschiedenen Teilen des Reiches in die Hauptstadt transportieren zu lassen, sonder in verschiedenen großen Städten des Landes Speicher zu errichten, das als Steuer entrichtete Getreide dort zu lagern und direkt weiterzuverkaufen und den Erlös in Geld bei der Zentralregierung abzuliefern. Ein viertes Gesetz sah vor, daß man sich vor der jährlichen vorgeschriebenen Fronarbeit durch die Entrichtung eines bestimmten Betrages freikaufen mußte. Bisher gab es eine Reihe von Gesellschaftsschichten, welche von der Ableistung jeder Fronarbeit befreit war. Ohne dafür irgendeine Gegenleistung erbringen zu müssen. Im Rahmen des Prüfungssystems war es Wang Anshi, wenngleich auch nur kurzfristig, gelungen, eine beachtenswerte Neuerung durchzuführen: Anstatt sich in die konfuzianischen Klassiker zu vertiefen, befaßte man sich (während dieser kurzen Reformphase) mit Wirtschaft, Geschichte und Geographie, Rechtswesen und Medizin usw. Ferner erließ Wang Anshi, der 1069 zum Staatskanzler und zum Berater des Kaisers aufgestiegen war, mehrere Gesetze, durch welche die Armee, die zahlenmäßig enorm angewachsen war, neu organisiert und durch ein Milizsystem verstärkt werden sollte. Eines dieser Gesetze schreib vor, daß jede Familie, die mehr als zwei männliche Angehörige hatte, einen Mann für die Miliz bereitstellen mußte. Die neuen Milizverbände waren prinzipiell nach Schutzeinheiten (bao) organisiert, wobei zehn Familien eine Schutzeinheit, 50 Familien eine Großschutzeinheit und 100 Familien eine Hauptschutzeinheit bildeten. Da die Song-Truppen ihren Angreifern aus dem Norden vor allem durch die Schwäche ihrer Kavallerie unterlegen waren, erließ Wang Anshi auch ein Gesetz, durch das die chinesische Kavallerie verstärkt werden sollte. Um für den Bedarfsfall möglichst viele Kriegspferde zur Verfügung zu haben, befahl der Staatskanzler, daß ein Teil der Pferde aus den kaiserlichen Kavalleriedepots den Bauern der Umgebung als Zugtiere und zur Feldarbeit leihweise überlassen werden sollte. Die Bauern verpflichten sich ihrerseits, diese Pferde zu füttern (die Futterkosten konnten von der Naturalsteuer in Abzug gebracht werden), in gutem Zustand zu halten und im Kriegsfall unverzüglich wieder dem zuständigen Militärkommando zu übereignen. Durch diese Maßnahme ersparte sich der Staat eine Menge Geld und verfügte dennoch gleichzeitig über eine große Zahl von Reitpferden für den Kriegsfall. Da diese Reformen, von denen hier nur die allerwichtigsten aufgezählt wurden, den Interessen der Großgrundbesitzer und Mächtigen zuwiderliefen, formierten sich diese bald zu einer starken Opposition unter Führung von Sima Guang und einigen anderen. Wang Anshi mußte um Jahre 1076 zurücktreten. Nach dem Tode Shen-zongs drängten sich wieder die Gegner Wang Anshis in den Vordergrund, wenngleich auch die Reformer weiterhin ihr Programm zu verwirklichen suchten, was ihnen in gewissem Umfang bis zum Untergang der Nördlichen Song-Dynastie auch gelang. Wenngleich die Song-Dynastie im Laufe ihrer langen Geschichte sehr intensiv mit Problemen ihrer äusseren Sicherheit beschäftigt war und auch viele staatsinterne Probleme zu bewältigen hatte, so war sie für China dennoch eine Zeit, in der die chinesische Kultur in manchen Aspekten einen neuen glanzvollen Höhepunkt erreichte. Um den Flüchtlings- und Einwanderungsstrom aus dem Norden miternähren zu können, war die Erweiterung bestehender und die Errichtung neuer Bewässerungsanlagen notwendig geworden. nach oben Ozeanschiffahrt Während der Song-Zeit wurden fast 500 Wasserspeicherprojekte errichtet. Auch der Handel erfuhr in diesem Zeitpunkt eine Intensivierung. Chinesische Schiffe überquerten das Südchinesische Meer und den Indischen Ozean, und es kam zu einem Warenaustausch zwischen China, Indien, Westasien, Afrika, Japan und anderen Ländern. In China selbst wurde in dieser Zeit eine Vielzahl neuer Städte gegründet. Das Schießpulver, den Chinesen bereits in der Tang-Zeit, wo es allerdings nur zur Herstellung von Feuerwerkskörpern Verwendung fand, bekannt, wurde nunmehr erstmals im Krieg zwischen den Song und den tungusischen Ruzhen im 12. Jahrhundert zu militärischen Zwecken eingesetzt. Auch eine Reihe von Luxus- und Spielzeugwaren, wie Dominosteine und Spielkarten, begegnen uns erstmals in dieser Zeit. Song-Porzellan war ein hochgeschätzter Exportartikel und wurde damals in großen Mengen ausgeführt. Während man bisher in den Häusern auf dem Boden gegessen hatte, werden in der Song-Zeit erstmals Stühle verwendet. Auch die wunderschönen Parkanlagen und Ziergärten, die früher nur für Kaiser und Fürstenhöfe bestimmt waren, fanden nun eine große Verbreitung unter den Reichen und Mächtigen des Landes. Die allmähliche Vermischung mit den verschiedenen Völkern des Nordens wie den Khitan, Dschurdschen, Ci-xia und anderen hatte natürlich auch bei den Chinesen einen gewissen inneren Angleichungsprozeß in bezug auf Wesen, Charakter und Mentalität zur Folge. Kulturmäßig sind diese Völker, ähnlich wie später auch die Mongolen und die Mandschuren, auf Grund des starken Kulturgefälles zwischen ihnen und den Chinesen meist in starkem Umfang von der chinesischen Bevölkerung absorbiert worden, wobei sie häufig fast alle ethnischen Wesensmerkmale, einschließlich der Sprache, verloren haben. Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern Von großer Tragweite für die weitere Entwicklung der chinesischen Kultur war aber vor allem die Erfindung des Buchdrucks. Bereits in der Han-Zeit waren die chinesischen Klassiker auf Steinstelen eingemeißelt worden, von denen dann mit Hilfe von Papier und Tusche sogenannte »Abreibungen« oder »Abklatsche« gemacht wurden. In der Tang-Zeit begegnen wir dann dem sogenannten Blockdruck, bei dem mit Holzblöcken gearbeitet wurde, in welche die einzelnen Schriftzeichen eingeschnitzt waren. Berits im 10 Jahrhundert wurden der gesamte buddhistische Kanon und die konfuzianischen Klassiker und im 11 Jahrhundert auch der taoistische Kanon gedruckt. Ebenfalls noch vor der Mitte des 11. Jahrhunderts erfanden Chinesen dann das sogenannte Druckverfahren mit beweglichen Lettern, die zunächst nach aus Kupfer, Porzellan oder aus Holz angefertigt waren. Durch die Erfindung des Buchdrucks breiteten sich Wissen und Kenntnisse aus den verschiedensten Bereichen mit großer Geschwindigkeit im ganzen Reich aus; darüber hinaus kam es in der Song-Zeit zur Gründung von zahlreichen Schulen. Geschichtswissenschaft und Literatur Auch auf allen Gebieten der Wissenschaft und der Literatur wurden in der Song-Zeit großartige Leistungen vollbracht. Sima Guang, der große politische Gegenspieler von Wang Anshi, verfaßte im 11. Jahrhundert der »Allgemeinen Spiegel als Hilfe bei der Regierung« (zi-zhi tong-jian), eine vollständige Darstellung der Geschichte Chinas von 403 v.Chr. bis zum Jahre 959 n.Chr. Auf der Basis dieser monumentalen Geschichte schrieb im 12. Jahrhundert sodann der große konfuzianische Gelehrte und Historiker Zhu Xi (1130 bis 1200) ein weiteres Geschichtswerk mit dem Titel »Abriß des Allgemeinen Spiegels als Hilfe bei der Regierung« (zi-zhi tong-jian gang-mu). Diesem Werk kommt vor allem deshalb große Bedeutung zu, weil es im 18. Jahrhundert, vom französischen Jesuitenpater De Milla übersetzt und bearbeitet, zur Hauptquelle westlichen Wissens über die Geschichte Chinas wurde und bis ins 20. Jahrhundert hinein wesentlich zur Entstehung eines einseitigen und teilweise falschen Geschichtsbildes von China in Europa beigetragen hat. Neben einigen weiteren Werken über die Geschichte Chinas sind in der Song-Zeit zwei große Enzyklopädien, das »Taiping yulan« mit 1000 Kapiteln und das »Taiping guangji« mit 500 Kapiteln entstanden. Ersteres ist vor allem deshalb bedeutend, weil es eine enorme Fülle an Auszügen aus chinesischen Geschichtswerken, aus der Klassischen und aus der schöngeistigen Literatur der Vor-Song-Zeit beinhaltet, die nur noch in diesem Nachschlagewerk erhalten sind. Während in der Tang-Zeit das Gedicht vom Typ des shi seine höchste Blüte erlebte, kommt in der Song-Zeit ein anderer Typus, das ci, zu größter Entfaltung. Während ersteres durch ein sehr strenges Wort-Ton-System gekennzeichnet ist, handelt es sich beim zweiten um ein Gedicht, das ursprünglich zu einer bestimmten Melodie gesungen wurde und einen viel lockeren Aufbau aufweist. Dadurch konnte der Dichter seinen Gedanken viel freieren Lauf lassen als bei shi. Häufig wurde es nicht nur gesungen, sondern auch noch von Musikinstrumenten begleitet. Wie die einzelnen Melodien, nach denen die ci gesungen wurden, geklungen haben, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Die in Nordchina entstandene ci-Gedichte weisen im allgemeinen einen härteren und rauheren Charakter auf als die des Südens, die ihrerseits durch einen weichen und stimmungsvollen Inhaltsablauf gekennzeichnet sind. Von den vielen Song-Dichtern ragen vor allem zwei Namen hervor: Su Dongpo und Ouyang Xiu. Su Donpo ist sowohl durch seine Prosa als auch durch seine Dichtungen bekannt geworden. Neben der Literatur hat auch die Malei dieser Zeit, insbesondere die Landschaftsmalerei, Weltrum erlangt. Die Landschaftsmaler der Song-Zeit versuchten in ihre Gemälde nicht so sehr, einzelne Details mit dem Pinsel festzuhalten, sondern dem Betrachter den inneren Geist in großen, aber ungemein feinen Zügen zu vermitteln. nach oben Fußbinden Im 10. Jahrhundert kam in China der Brauch des »Fußbindens« bei Frauen auf, der sich allmählich über das ganze Land verbreitete und sich bis in unser Jahrhundert herauf erhalten hat. Schon im Alter von etwa fünf Jahren wurden den jungen Mädchen die Füße mit langen Bandagen so fest zusammengeschnürt, daß das weitere Wachstum unterbunden war und die Füße dadurch immer mehr verkrüppelten. Die Zehen (mit Ausnahme der großen Zehe) wurden dabei so eingebunden, daß die Zehenspitze unterhalb der Fußsohle nach hinten gerichtet waren. Dieser Vorgang, der sich oft über Monate und Jahre erstreckte, war meist sehr schmerzhaft. Wenn die Füße »ausgewachsen« waren, hatten sie ungefähr die halbe Größe eines normalen Fußes. Derartige »Füßchen«, chinesisch »Gold-Lotos« (jin-lian) genannt, galten in China als ein wesentliches Kriterium weiblicher Schönheit und wurden in der chinesischen Literatur in hunderten Geschichten und Gedichten quer durch die Jahrhunderte mit großer Inbrunst besungen. Gleichzeitig, so heißt es in chinesischen Erläuterungen zu diesem Thema, sollen die »Gold-Lotos«- Schönheiten durch einen viel anmutigeren und graziöseren Gang gekennzeichnet gewesen sein als ihre biederen Schwestern, die sich dieser Prozedur nicht unterzogen hatten und ihrer größeren Füße wegen als »Entenfüße« oder »Lotos-Boote« bezeichnet wurden. Von seinem Ursprung her gesehen scheint das Füßeeinbinden auf das Vorbild kaiserlicher Hof- und Haremstänzerinnen zurückzugehen, die bei ihren Vorführungen ihre Kleinen, grazilen, allerdings natürlichen Füße mit besonderer Anmut zur Wirkung bringen verstanden. Neben dem Zweck, weibliche Schönheit durch einen zierlichen Fuß zu unterstreichen, wurde aber auch noch ein anderes Ziel verfolgt: die Frau, die ohnehin von den meisten gesellschaftlichen Aktivitäten ausgeschlossen war, noch mehr ans Haus zu fesseln und eventuell Kontakte mit der Männerwelt außerhalb der eigenen Sippe zu unterbinden. Gleichzeitig stellte»Gold-Lotos« auch ein Statussymbol dar: ein Symbol der Unterwürfigkeit von seiten der Frau, ein Symbol des Wohlstandes für den Mann. Denn nur ein reicher Mann bzw. eine reiche Familie konnte es sich leisten, die Frau oder Mutter auf Lebenszeit in einen »goldenen Käfig« zu sperren. In armen Familien wurde jede einzelne Person für Haus- und Feldarbeiten benötigt, denn der Kampf ums tägliche Brot war in China immer hart. Obwohl das »Füßebinden« durch kaiserliche Dekret und später durch die republikanische Regierung wiederholt verboten worden war, hat sich diese Sitte vereinzelt noch lange gehalten. Um die kommende Jahrtausendwende werden jedoch die letzten leisen »Gold-Lotos«-Tritte für immer verhallt sein. Neokonfuzianismus In der Song-Dynastie hat der Konfuzianismus in Form des Neokonfuzianismus eine neue Ausprägung bzw. Umgestaltung erfahren. Durch eine Reihe von Gelehrten wurde der Konfuzianismus, zum Teil unter dem Einfluß buddhistischer und taoistischer Gedankengutes, auf eine neue philosophische Grundlage gestellt. Dies ist nicht so zu verstehen, daß in dieser Zeit konfuzianische Werke mit grundlegend neuem Inhalt verfaßt worden wären. Vielmehr wurden die alten konfuzianischen Klassiker aus einer anderen Sicht betrachtet, deren Gedanken neu geordnet und zu einem umfassenden, neuen Gedankengebäude systematisch zusammengefaßt. Zu den wichtigsten Philosophen dieser Zeit gehören Zhou Dunyi (1017 bis 1073), Shao Yong (1032 bis 1085) und Cheng Yi 1033 bis 1107). Als größter von diesen ragt Zhou Dunyi durch seine systematische Denkart hervor. In einer schematischen Darstellung, dem Sogenannten »Diagramm des Höchsten Urprinzips« (tai-ji-tu), und einer erklärenden Schrift dazu versucht Zhou, alles Existierende von einem einzigen Urprinzip abzuleiten. Wie die philosophischen Gedankengänge der anderen Song-Philosophen, so basiert auch die ganze Lehre des Zhou Dunyi über das letzte Urprinzip und die Entstehung des Kosmos auf dem Buch der Wandlungen (yi-jing). Im yi.jing wird die Entstehung allen Seins auf die zweite Urkraft Yang und Yin zurückgeführt. In einem Kommentar zu Yi-jing ist allerdings – im Gegensatz zum Yi-jing-Text selbst – darüber hinaus auch noch von einem »Höchsten Urprinzip« (tai-ji) die Rede, das die zwei Urkräfte Yang und Yin hervorgebracht habe. nach oben Das »Höchste Urprinzip« Für Zhou Dunyi ist nun dieses »Höchste Urprinzip« der letzte Urgrund allen Seins, das nicht mehr auf ein anderes Sein zurückgeführt werden kann. In diesem »Höchsten Urprinzip« vollzieht sich nun – nach der Lehre des Zhou Dunyi – eine Bewegung, wodurch das Yang erzeugt wird. Nachdem die Bewegung wieder zum Stillstand gekommen ist, tritt absolute Ruhe ein, und aus dieser Ruhe wiederum entsteht das Yin. Aber auch der Zustand der Ruhe findet ein Ende, und es folgt erneut ein Zustand der Bewegung. Alternierend bringen Bewegung und Ruhe sich gegenseitig immer wieder hervor. Dadurch entstehen, voneinander getrennt, die Kräfte des Yang und des Yin und deren gegenseitige Vereinigung entstehen sodann die fünf Elemente: Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde. Diesen entsprechen die fünf atmosphärischen Phänomene Kälte, Hitze, Regen, Luft und Wind. Durch harmonische Verteilung der fünf atmosphärischen Phänomene treten dann die vier diesen entsprechenden Jahreszeiten in Erscheinung: der Wind, der Sommer, der Frühling und der Herbst. Dann geht ein neuer Verwandlungsprozeß vor sich: das eigentliche Wesen des »Höchsten Urprinzips« sowie der innere Kern der zwei Urkräfte Yang und Yin und der fünf Elemente durchdringen sich gegenseitig in geheimnisvoller Vereinigung Hierauf entsteht vom himmlischen Einfluß her das männliche und vom indischen her das weibliche Element. Durch ihre gegenseitige Durchdringung erzeugen Yang und Yin das Weltall mit all seinen Dingen, die nun ihrerseits – unaufhörlich und endlos – zeugen und weiterzeugen. »qi« und »li« Die beiden Urmächte Yang und Yin werden von Zhou auch die beiden »qi« (wörtlich: Äther, Atem, Fluida) genannt, ebenso wie er auch die fünf Elemente als die fünf »qi« (wu-qi) bezeichnet. Diesem Grundbegriff gegenüber steht in der chinesischen Philosophie der Begriff »li«, »Prinzip«. Unter dem »li« verstehen die Neokonfuzianer das höchste geistig-metaphysische Prinzip, dem alles Sein, vor allem die ganze materielle Welt, der gesamte Kosmos, unterliegt. Häufig erscheint der Ausdruck »li« auch gleichbedeutend mit dem Begriff »tai-ji« (Urprinzip). Im zweiten Teil seiner »Erklärung zu Diagramm des Höchsten Urprinzips« sowie in einer weiteren philosophischen Abhandlung mit dem Titel »Erklärende Schrift« geht Zhou von seiner Darstellung über das Wirken des Urprinzips sowie die Entstehung und den Wandel alles Seienden über zu Fragen der Ethik und versucht, den Ursprung richtigen ethnischen Verhaltens aus den Gesetzen und dem Wirken der Natur abzuleiten; »Nur der Mensch (allein) erhält sie (=die Elemente Yang und Yin) in ihrer Vollendetheit und ist dadurch das geistige Wesen. Wenn der Körper geboren ist, der Geist das Bewußtsein hervorgebracht hat und die fünf natürlichen Veranlagungen sensibilisiert und in Bewegung gesetzt worden sind, dann unterscheidet er zwischen Gut und Böse, und zehntausend Verhaltensweisen treten hervor.« Die oben genannten fünf natürlichen Verhaltensweisen, welche Zhou Dunyi hier also von vornherein in der menschlichen Natur verankert sieht, sind die fünf konfuzianischen kardinaltugenden: Gegenseitige Liebe (ren), Rechtschaffenheit (yi), Gewissenhaftigkeit (zhong), Gegenseitigkeit (shu) und Ehrlichkeit (zhi). Eine weitere große Persönlichkeit dieser Zeit begegnet und auch in der Person des Mathematikers und Physikers Shao Yong (1011 bis 1077). Er hat sich auf der Basis des Buches der Wandlungen bzw. der 64 Hexagramme ein ungemein kompliziertes kosmologisches System, dessen genaue Beschreibung ein ganzes Buch füllen würde, geschaffen. Auch er selbst sagt von seinem Werk: »Obwohl die Diagramme keinen Text haben (der sie begleitet), kann ich den ganzen Tag lang über sie sprechen, ohne von ihnen (=von diesem Thema) abzugehen. Dann sie enthalten die Prinzipien des Himmels und der Erde sowie der zehntausend Dinge« Genaugenommen basiert seine Kosmische Lehre von der Entstehung und Entwicklung des Weltalls und aller Dinge schlechthin auf einer Stelle in einem Anhang zum Buch der Wandlungen, wo es heißt: »In den Wandlungen existiert das Höchste Urprinzip, welches zwei Formen hervorgebracht hat. Die zwei Formen haben die vier Symbole hervorgebracht, die vier Symbole haben die acht Trigramme hervorgebracht. Mit Hilfe der acht Trigramme werden Glück und Unglück (in bezug auf Angelegenheiten im menschlichen Leben) bestimmt, und Glück und Unglück bringen die großen Handlungen (der Menschen) hervor!« nach oben Die 64 Hexagramme Dies ist der zentrale Gedanke, welcher der Symbol- und Zahlenlehre des Shao Yong zugrunde liegt. Sein Plan war, das ganze Weltall und insbesondere die Welt, in der wir leben, mit all ihren Dingen und Phänomenen, mit einem mathematisch-strukturierten und in Form von Hexagrammen dargestellten vieldimensionalen Koordinatensystem zu überziehen und dadurch einen tiefen Einblick in den Ablauf und die Gesetzmäßigkeit des großen Weltgeschehens im allgemeinen und der menschlichen Aktivitäten im besonderen zu erlangen. Neben Zhou Dunyi und Shao Yong haben auch der Philosoph Zhang Zai und die Brüder Cheng eine Reihe von interessanten Gedankengängen über Urprinzip, Yang und Ying, über die Kultivierung des Geistes, über ihre (negative) Entwicklung zu Buddhismus und Taoismus und anderen Phänomene entwickelt. Die beiden Cheng-Brüder vertraten innerhalb des Neokonfuzianismus zwei verschiedene Richtungen: einmal eine rationalistische Schule, chinesisch »li-xue«, das heißt »Schule des Prinzips«, und daneben eine idealistische, die chinesisch als »xin-xue«, als »Schule des Geistes«, bezeichnet wurde. Kommen wir aber nun zum Hauptrepräsentanten des Neokonfuzianismus, zu Philosophen Zhu Xi (1130 bis 1200). Zhu Xi Das philosophische System Zhu Xis, insbesondere seine Vorstellung über die Entstehung und Entwicklung des Weltalls bzw. der Welt, basiert zu einem wesentlichen Teil auf der Lehre des Zhou Dunyi. Daneben hat er auch Ideen der vorher genannten Philosophen Shao Yong, Zhang Zai sowie der beiden Brüder Cheng in sein System aufgenommen. Auch spiegelt seine Lehre einige Elemente wieder, die Zhu Xi aus dem Buddhismus, den er so wie den Taoismus bis zu seinem 30. Lebensjahr gründlich studiert hatte, übernommen hat. Zhu Xi ist der Mann, der nach einem ausgedehnten Studium der Klassiker die Lehre des Konfuzius und des Menzius im Sinne der oben genannten Neokonfuzianer zusammengefaßt und zu einem systematischen Lehrgebäude ausgebaut hat, in dessen Zentrum auf der einen Seite die Entstehung und Entwicklung des Makro- wie auch des Mikrokosmos und auf der anderen Seite die metaphysische Begründung der chinesischen Ethik stehen. Die von ihm systematisch zusammengefaßte Lehre erlangte kanonische Geltung und hat in China bis in unser 20. Jahrhundert hinein eine staatstragende Rolle gespielt. Seine Interpretation der chinesischen Klassiker wurde als einzige gültige auch allen Staatsprüfungen in China zugrunde gelegt. Er gilt unter den Konfuzianern als einer der größten Gelehrten Chinas und wurde zu einem Heiligen der chinesischen Staatsreligion erhoben und in konfuzianischen Tempeln verehrt. Im Mittelpunkt der Gedankenwelt Zhu Xis stehen also zwei Dinge: eine Erklärung über Entstehung, Entwicklung und Wesen des Weltalls und insbesondere der Welt, in der wir leben, sowie eine Erklärung über das Wesen und die ethnisch-moralische Natur des Menschen. Und hier ist nun die Grundlage der Philosophie des Zhu Xi von zwei Kernbegriffen bestimmt, die in unserer abendländischen Geisteswelt keine genauen Äquivalente haben: Es sind dies die beiden Begriffe »li« und »qi«. Auf diese beiden Urgewalten basiert nach Zhu Xi alles Seiende, jedwede Existenz. Unter »li« versteht Zhu Xi ein lenkendes und leitendes geistiges Weltprinzip, das dem gesamten Weltall und auch jedem Individuum innewohnt. Es ist unendlich und ohne Grenzen, aber nicht nur die metaphysische Basis allen Seins, sonder gleichzeitig auch eine ethnische Größe. Denn das »li« ist der kosmische Wille, die ethnische Einheit, die alle von Konfuzius gepredigten Grundtugenden in sich birgt. Der zweite Grundbegriff hingegen, das »qi«, bildet sozusagen den Gegenpol zu »li«. Zhu Xi versteht darunter die Materie, die Substanz, die materielle Seite der Weltexistenz. Dennoch geht dieser Begriff üben den unserer Materie hinaus und bezeichnet nicht nur die rein materielle, sinnliche wahrnehmbare Komponente alles Existierenden, wenngleich dieses sozusagen den Kern dieses Begriffs bildet. Vielmehr umfaßt der Begriff »qi«, wie er bei Zhu Xi gebraucht wird, zusätzlich auch noch eine unsichtbare bzw. mit den fünf Sinnen nicht wahrnehmbare Komponente, eine »innere Kraft«, die – vom »li« geleitet – als Urgrund in der Materie wirksam ist. Die Begriffe »li« und »qi« kommen immer gemeinsam, niemals einzeln vor. Es handelt sich hier also im wesentlichen um eine dualistische Erklärung, die aber dadurch einen monistischen Einschlag erhält, daß nach Zhu Xis Meinung zwar keiner dieser beiden Urmächte zeitlich eine eindeutige Periode zukommt, dennoch aber das »li« dürfte auch rein zeitlich gesehen wohl schon vor dem »qi« existiert haben, wenn man ganz an den Uranfang zurückgeht. Bei den beiden Urmächten »li« und »qi« handelt es sich also trotz gewisser Parallelen nicht um denselben Gegensatz wie bei unserem Begriffspaar Geist und Materie. Wie wir bereits wissen, hat Zhu Xi die kosmologischesn Ansichten weitgehend von seinen Vorgängern übernommen und zu einem neuen, einheitlichen Ganzen zusammengefügt. In diesem Sinn interpretiert er auch das »tai-ji«, das Höchste Urprinzip, das wir von Zhou Dunyi her kennen, als das in Himmel und Erde und allen Dingen enthaltene »li«. Das »li« ist also, ähnlich wie das »tai-ji«, das Höchste Urprinzip, der Urausgangspunkt alles Seins, aus dem zunächst durch Bewegung Yang und durch Ruhe Yin hervorgeht. Daß es zu dieser Bewegung kommt, liegt daran, daß das »li« als Höchste ethnische Größe aktiv wird. Aus Yang und Yin gehen dann die fünf Grundstoffe Wasser, Feuer, Holz, Metall und Erde, jedoch nicht in ihrem materiellen Sinn, sonder im Sinn geistig-abstrakter Elementkräfte, hervor. In diesen fünf Elementarkräften, in denen Yang und Yin jeweils auf unterschiedliche Weise wirken, liegt bereits die weitere Entwicklung des Weltalls vorgezeichnet. Durch das Zusammenwirken von »li«, Yang und Yin und der fünf Elementarkräfte entsteht der Kosmos bzw. die beiden geistigen Größen Himmel (qian) und Erde (kun). Zunächst zwar auch nur abstrakte, kosmische Mächte, gehen aus »qian« und »kun« dann der sichtbare Himmel und die materielle Erde mit all ihren Geschöpfen und Dingen hervor. So erscheint nun auch der Mensch auf der Erdenbühne. Der materielle Himmel stellt nach der Vorstellung Zhu Xi ein Gemisch von Luft dar, das die Erde von allen Seiten umströmt und sich jeweils im Unendlichen verliert. Während die Erde, die dem Yin entspricht, ruht, führt der Himmel als Yang-Kraft endlose Bewegungen um die Erde aus, wobei er zu einer solchen Erdumkreisung jeweils einen Tag benötigt. Entstehung und Entwicklung des Kosmos stellen nach Zhu Xis Meinung jedoch nicht ein einmaliges Phänomen dar, sondern sind für ihn – ähnlich wie für die Buddhisten – eine Erscheinung, die sich eine Ewigkeit lang ohne Ende wiederholt. Jede kosmische Existenz besteht aus vier Phasen: Entstehung – Entfaltung – Niedergang und Zerstörung im Chaos. Eine solche kosmische Existenz dauert jeweils 129 600 Jahre. Danach setzt sich der Zyklus mit der Entstehung des nächsten kosmischen Systems fort. Das »li«, häufig dem »tai-ji« gleichgesetzt, ist also nicht nur ein metaphysisches, sondern auch ein ethnisches Prinzip und kommt im Wesen der menschlichen Natur zu vollsten Entfaltung. Dennoch zeigt sich gerade hier, daß es an Macht dem zweiten Urprinzip, dem »qi«, nicht so überlegen ist, dass es dieses uneingeschränkte beherrscht. Dadurch erklärt Zhu Xi auch den Umstand, daß die menschliche Natur in der konkreten Wirklichkeit oft auch negativ in Erscheinung tritt. Nach Zhu Xi ist eben das »innere Wesen«, die »innere Veranlagung« eines Menschen nicht gleichzusetzen mimt seiner »äußeren Natur«. Ein schlechter Mensch, meint Zhu Xi, erkenne klar und eindeutig, ob eine Handlung, die er setzt, gut oder böse sei. Sein »inneres Wesen«, sein sittliches Urteilsvermögen, teile ihm das mit. Das heißt also, daß der Mensch zwar »theoretisch« von seinem inneren Wesen her immer nach dem »li« ausgerichtet und dadurch gut ist, umgekehrt aber dennoch de facto böse Handlungen begehen kann. Diesen nach seiner Meinung nach scheinbaren Widerspruch erklärt Zhu Xi durch die Feststellung, daß das Wirken des Urprinzips »li« engstens mit dem Wirken des Urprinzips »qi« gekoppelt sei, wobei das »qi« als ethnisch neutrales Prinzip dem vollen Wirksamwerden des »li« hinderlich entgegenstehe. Und hier bestimme nun die materielle Zusammensetzung der einzelnen Wesen den Grad, in welchem das ethnische »li« in den einzelnen Menschen (ebenso wie auch in Tieren und Pflanzen) wirksam werden könne. nach oben |
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